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Restauration eines Long-John-Lastenrades

Im Jahr 1993 kaufte ich einen damals neuen Long John des Herstellers SCO. Nach einem guten Jahr Benutzung hinterließ ein Transportschaden bei der Bahn ein verbogenes Hinterrad mit total verknicktem Schutzblech sowie diverse Macken und Schrammen am Rahmen. Zwar war das Gerät grundsätzlich noch fahrtauglich, aber weder eine passende Hinterradfelge noch ein Schutzblech waren aufzutreiben. Der Fahrspaß hielt sich somit in Grenzen. Zuletzt rottete das Rad jahrelang im Keller vor sich hin.

Im Sommer 2005 beschloß ich, das Lastenrad wieder in Schwung zu bringen. Sofern Ersatzteile benötigt wurden, sollten diese möglichst zum altertümlichen Charakter des Rades passen. Was zunächst recht einfach aussah, entwickelte sich aufgrund schwer erhältlicher Teile zu einem mehrmonatigen Projekt mit einigen Fehlkäufen und Rückschlägen. Längere Recherche führte mich schließlich zur Firma Velo Classic in Hüllhorst, die fast alle benötigten Teile in befriedigender Qualität liefern konnte und auch das Abstrahlen und Pulvern des Rahmens übernahm.


Das Wrack im Keller (Bilder zum Pop anklicken)


Vorder- und Hinteradfelge sind Mopedteile der Größen 20x2 und 23x2. Die Hinterradfelge erwies nach dem Ausspeichen als doch noch verwendbar. Die alten Zinkspeichen der Räder waren jedoch zum Teil stark korrodiert und wurden komplett ersetzt. Die neuen verchromten Speichen sind mit ca. 3mm Durchmesser dicker als die alten. Ebenso mußte die alte, brüchige Hutchinson-Bereifung ausgetauscht werden. Jetzt leisten zwei Continental-Moped-Reifen ihren Dienst. Die Torpedo-Dreigangnabe des Hinterades zeigte etwas Flugrost, war ansonsten aber sehr gut in Schuß. Da sie allerdings nicht präzise schaltete, habe ich sie komplett zerlegt und gereinigt. Den alten Schaltzug tauschte ich aus, da er sich am neuen Lenker als zu kurz erwies.

Die Sachs-Trommelbremsnabe des Vorderrades hatte schon immer mit unzureichender Bremsleistung genervt, was großteilig auf den langen, kurvenreichen Bowdenzug zurückzuführen ist. Durch einen modernen Jagwire-Zug mit längsverstärkter Außenhülle konnte ich die Bremswirkung erhöhen. Besser wäre vermutlich eine Hydraulikanlage, wie sie an späteren Long Johns verbaut wurde. Offenbar sind die dafür notwendigen Umbausätze aber nicht mehr erhältlich.

Praktisch alle verchromten und verzinkten Teile hatten ordentlich Rost angesetzt. Von den Steuersätzen und Schrauben über die Bandstreben bis hin zu den Tretkurbel wurden alle Teile entrostet und poliert. Die Bandstreben habe ich zusatzlich mit Klarlack behandelt, da die Zinkoberfläche stark geschädigt war. Die meisten anderen Teile waren nach dem Entrosten glücklicherweise in gutem Zustand.

Einer der schwierigsten Punkte war die Beschaffung eines neuen Schutzbleches für das 23"-Hinterrad. Wochenlanges Abklappern von Händlern blieb erfolglos. Erst Velo Classic hatte ein Blech auf Lager, welches in etwa passt. Es ist zwar eine Nuance zu groß, dafür aber stabiler als das alte.

Alle Rahmenteile sowie den Lastkorb und die Stahlfelgen ließ ich neu pulvern. Zunächst wollte ich nur die bestehenden Lackschäden auf eigene Faust ausbessern, ließ jedoch bald von dem Flickwerk ab. Durch die komplette Überarbeitung gingen leider auch die Herstellerschriftzüge sowie die Ladegrenzeangaben ("L:100kg H:120cm") auf dem Lastkorb verloren. Durch Einscannen und Abfotografieren sowie Erfassung der Aufkleber-Konturen mit Papier und Bleistift habe ich die Schriftzüge so gut wie möglich gesichert. Zumindest zum Teil möchte ich sie reproduzieren und wieder aufbringen.

Ein neuer Lenker und Vorbau waren ebenfalls erstaunlich schwer zu beschaffen. Um die kurze Oberrohrlänge etwas zu kompensieren, legte ich Wert auf einen möglichst weit vorspringenden Vorbau. Vorbauten dieser Art sind zahlreich erhältlich, zielen aber auf den MTB-Markt ab und sind dementsprechend "schrecklich" gestaltet. Ich trieb aber noch bei einem Händler ein recht klassisch aussehendes Einzelstück auf, welches zum Rad passt. Lenker wiederum gibt es fast nur noch aus Aluminium-Rohr. Schwere verchromte Ware ist selten geworden. Zudem sollte der Lenker nicht zu schmal ausgelegt sein, um ausreichend Hebelwirkung bereitzustellen. Auch hier war einige Suche notwendig, bevor ich ein brauchbares Stück in Händen hielt.


Nach der Restauration (Bilder zum Pop anklicken)


Zahlreiche Kleinteile an dem aufgemöbelten Rad entsprechen nicht dem Originalzustand bzw. wurden von mir zu bestimmten Zwecken hinzugefügt:

  • Eine im Lastkorb verschraubte Sperrholzplatte verhindert das Durchfallen kleinerer Lastgüter sowie das Reiben des Lastgutes auf den Metallstreben.
  • Die Füße des Ständers habe ich mit 22mm-Plastikkappen aus dem Möbelbedarf versehen, um den direkten Kontakt zwischen Metall und Asphalt zu vermeiden.
  • Der ursprüngliche Bremsgriff war komplett aus Kunststoff. Der jetzige Hebel aus Aluminiumguß sieht besser aus und verbiegt nicht so leicht bei Beanspruchung.
  • Die Ledergriffe ersetzen herkömmliche Plastikgriffe und sind in Optik und Haptik einfach viel besser.
  • Auch das Rücklicht mit Metallfassung löst ein Plastikmodell ab.
  • Als Sattel besaß das Rad ein Kunststoffmonster mit dem Sitzkomfort eines Kalksandsteins. Es mußte schon vor Jahren einem schönen Lederstück von Brooks weichen.
  • Einen Gepäckträger für das Fahrrad besitze ich ebenfalls, habe ihn aber nicht montiert. Das Stück aus massiven Stahlprofilen wiegt alleine fast 2,5 kg und ist für eine Belastung mit 30 kg ausgelegt.


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